WLAN-Spektrum: Und wir blicken neidvoll über den großen Teich…

Veröffentlicht am: 7. November 2018 Autor: Ralf Koenzen Veröffentlicht in Technologie, Trends Keine Kommentare

Es kommt nicht oft vor, dass ich als Gründer und Chef eines deutschen Netzwerkherstellers neidvoll über den großen Teich blicke. Zu häufig waren die News aus den USA in den letzten Jahren geprägt von Ereignissen, die aus deutscher und europäischer Sicht alles andere als wünschenswert sind. Denken wir nur an den NSA-Skandal und die weitgehenden Zugriffsbefugnisse, die US-Behörden gerne auch in Bezug auf die Daten europäischer Kunden für sich reklamieren. Nationales Recht hin oder her…
Jetzt aber ist einer dieser raren Augenblicke, in denen man sich als deutsches Unternehmen durchaus mal wünschen dürfte, in den USA zu Hause zu sein. Der Anlass: Die jüngste Entscheidung der US-amerikanischen Regulierungsbehörde für Telekommunikation, der FCC (Federal Communications Commission), dem WLAN schier ein ganzes Universum neuer Frequenzen zu spendieren und damit die Bahn freizumachen, für noch schnellere Wifi-Standards, noch effizientere Drahtlosnetze und noch mehr vernetzte Geräte.

Schlaraffenland der Frequenzen

Es geht um das 6 GHz-Band, konkret um die Frequenzen zwischen 5,925 bis 7,125 GHz. Dieser gesamte Block soll zukünftig für die Nutzung durch WLAN zur Verfügung stehen. Vergleicht man dies mit den bisher verfügbaren Frequenzbändern bei 2,4 und 5 GHz, sprechen wir hier von nicht weniger als einer Vervielfachung des Frequenzbereichs!
Die Potentiale erscheinen fast unermesslich. Während das 2,4 GHz-Band von Natur aus eng und heute vielerorts schon überfüllt ist und auch das 5 GHz-Band zunehmend an seine Grenzen stößt (und zudem Nutzungsrestriktionen durch die Koexistenz mit Radarsystemen unterliegt), ist das 6 GHz-Band zwar nicht völlig jungfräulich, doch bislang weitgehend ungenutzt. Und: Es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum bisherigen 5 GHz, erlaubt aber gleichermaßen die Nutzung deutlich breiterer Kanäle. Dies wiederum bietet die Grundlage für noch höhere WLAN-Geschwindigkeiten weit jenseits der Gigabit-Marke.

WLAN sticht Mobilfunk

Mit ihrer – übrigens einstimmigen – Entscheidung trägt die FCC der immensen Bedeutung von Wireless LAN Rechnung. Während viele Mobilfunkunternehmen die Wichtigkeit von WLAN angesichts des kommenden 5G-Standards kleinzureden versuchen, sprechen die Statistiken eine andere Sprache. So zeigt eine Studie aus dem vergangenen Jahr, dass bereits heute mehr als 60 % des mobilen Datenvolumens mittels Offloading über stationäre WLAN-Netze (v. a. WLAN Hotspots) abgeleitet wird. Hinzu kommen die Abermillionen WLAN-Netze, die in der Wirtschaft und in den Privathaushalten jeder entwickelten Volkswirtschaft für drahtlose Vernetzung, effiziente Prozesse und moderne Mediennutzung (z. B. Streaming) sorgen.
Mehr noch: Mit dem Internet-of-Things – also der Vernetzung von „Dingen“ – Sensoren,  Maschinen, Gütern – wird die Anzahl der vernetzten Devices weiter exponentiell ansteigen. So rechnen Experten bis 2020 mit rund 25 Milliarden IoT-Geräten. Undenkbar alleine aus Kostengründen, dass jedes einzelne dieser Geräte über die Mobilfunknetze kommunizieren könnte. Im Gegenteil: IoT macht WLAN noch unverzichtbarer, als es heute schon ist.

Zögerliches Europa

Das Wissen um die immense wirtschaftliche Bedeutung von WLAN ist bei weitem nicht nur in den USA vorhanden, zu viele Studien sind zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen. Zuletzt machte eine Berechnung der Wi-Fi Alliance von sich reden, die den volkswirtschaftlichen Beitrag von WLAN alleine in Deutschland auf derzeit 94 Mrd. Euro und in Frankreich immerhin auf 44 Mrd. Euro taxiert –  Tendenz jeweils stark steigend.
Trotz dieser Perspektive hinken die europäischen Regulierer weit hinter ihren US-Pendants zurück. Zwar gibt es auch in der EU seit einiger Zeit Diskussionen über neue WLAN-Frequenzen, diese sind aber deutlich weniger ambitioniert als in den USA und stehen eher noch am Anfang.
So hat die EU-Kommission erst Ende 2017 überhaupt eine Untersuchung über mögliches weiteres Spektrum in Auftrag gegeben, diese aber zugleich auf den unteren Bereich des 6 GHz-Bandes (5,925 GHz bis 6,425 GHz) beschränkt. Dies ist gerade mal die Hälfte dessen, was in den USA nun beschlossen wurde – und bedeutet für uns Europäer eine Menge vertaner digitaler Chancen!

Ein Widerspruch in sich

Nicht nur im Hinblick auf die klare Sprache, die die jüngsten Studien zum Frequenzbedarf und zur wirtschaftlichen Bedeutung von WLAN auch in der EU sprechen, tut sich hier ein deutlicher Widerspruch auf. Die EU will digital vorne mitmischen, will einen funktionierenden digitalen Binnenmarkt und spendiert alleine bis 2020 im Rahmen des EU-Förderprogramms WiFi4EU 120 Millionen Euro für den Aufbau kommunaler WLAN-Hotspots in ganz Europa. Gleichzeitig zögert man, die so wichtige Basis dafür zu schaffen, dass WLAN auch in Europa langfristig eine Erfolgsgeschichte bleibt.
Hoffen wir also, dass die Initiative der FCC auf die EU-Kommission und die hiesigen Regulierer abfärbt. Wir Hersteller jedenfalls würden uns freuen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und die Potentiale einer ambitionierteren europäischen Frequenzpolitik aufzuzeigen. Denn eines ist klar: Um die Digitalisierung in Europa ernsthaft und erfolgreich voranzutreiben, muss neues WLAN-Spektrum mit der Verfügbarmachung neuer Mobilfunkfrequenzen gleichgestellt werden. Nur so können sich stationäre und mobile Funknetze auch künftig perfekt ergänzen.

PS: Kommunen, die Interesse an einer Hotspot-Förderung durch die EU haben, können sich ab sofort wieder für Wifi4EU registrieren. Alle Infos dazu – und zu weiteren Fördermöglichkeiten durch LANCOM selbst – gibt es auf unserer Webseite.

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