Wi-Fi 6 in Europa: Weniger drin als draufsteht?

Veröffentlicht am: 11. April 2019 Autor: Ralf Koenzen Veröffentlicht in Netzpolitik, Technologie 1 Kommentar

Vierfacher Datendurchsatz, stabilerer Zugriff auf stark frequentierte Netze, höhere Leistungsfähigkeit und weniger Akku-Verbrauch für Endgeräte: Es gibt einiges, auf das man sich als WLAN-Nutzer bei Wi-Fi 6, dem neuen WLAN-Standard, freuen darf. Auch die IEEE hat bereits bekannt gegeben, dass der finale Standard bald fertig sein wird. Doch in Europa muss die (Erfolgs-)Geschichte von IEEE 802.11ax, so lautet der alte Name des Standards, wohlmöglich anders geschrieben werden als in den USA oder Asien. Das Problem: Die EU-Norm, die die Voraussetzungen für das Funken im 5 GHz-Band definiert. Wir hatten über das Problem bereits vor über einem Jahr das erste Mal gebloggt. Leider hat sich seither nur hinter den Kulissen etwas getan. Von einer Lösung sind wir noch weit entfernt.

Keine Privilegien, keine Performance

Der Funkbetrieb im 5 GHz-Band wird in allen EU-Staaten einheitlich über die Norm EN 301 893 geregelt. Jedes Gerät, das den 5 GHz-Frequenzbereich nutzen möchte, muss die Norm vollständig erfüllen. Ist das nicht der Fall, darf das Gerät das Band nicht nutzen beziehungsweise gar nicht erst in Verkehr gebracht werden.

Gerade das 5 GHz-Band ist jedoch für 802.11ax von immenser Bedeutung, denn genau hier sollen bestimmte Mechanismen für bessere Leistung sorgen. Um eine hohe Leistungsfähigkeit für WLAN-Geräte zu ermöglichen, gewährt ihnen die Norm grundsätzlich einige Privilegien: So dürfen WLAN-Geräte für die Adaptivität die Mechanismen Preamble Detection und Energy Detection (PD/ED) nutzen, um eine bessere Leistung zu erzielen. Das Problem: In der jetzigen Fassung der EN 301 893 (Version 2.1.1) gilt dies aber ausschließlich für die WLAN-Standards IEEE 802.11a/n/ac. Der Grund dafür liegt in der Historie der Norm: Als ETSI, das für die EU zuständige Normierungsgremium, diese entwarf, hatte noch niemand 802.11ax auf dem Schirm.

Europa hinkt im Zeitplan hinterher

Was wir dringend brauchen, ist eine Neufassung der EN 301 893, die Wi-Fi 6 dieselben Privilegien gewährt wie den bisherigen WLAN-Standards. Kommt diese nicht, muss Wi-Fi 6 als „kastrierter“ Standard in der EU auf den Markt kommen –  mit deutlich schlechterer Performance als erwartet!

Die gute Nachricht vorweg: die Arbeiten an der Version 2.2.1 der Norm sind in vollem Gange. Im Juni möchte ETSI die Neufassung weitgehend abgeschlossen haben. Danach folgt ein umfassender Prüfprozess, der unter anderem die Mitgliedstaaten einbindet und eine öffentliche Konsultation vorsieht.

Erst wenn dieser strikt reglementierte Prozess abgeschlossen ist, kann die Norm der EU-Kommission zur Prüfung und anschließenden Veröffentlichung im Official Journal vorgelegt werden und Gültigkeit erhalten.

Das bringt uns zur schlechten Nachricht: Während nämlich der finale IEEE-Standard für Wi-Fi 6 alias IEEE 802.11ax bereits in den Startlöchern steht, ist die EN 301 893 in der Version 2.2.1 noch Zukunftsmusik. Aus heutiger Sicht scheint es unmöglich, die EU-Norm noch rechtzeitig zur ersten großen, weltweiten Vermarktungswelle von ax-Produkten in einer gültigen Fassung vorliegen zu haben. Selbst sehr optimistische Rechnungen gehen davon aus, dass eine Veröffentlichung der Norm im europäischen Amtsblatt frühestens Ende 2019, realistischer jedoch im ersten Quartal 2020 erfolgen kann. Und dies stets vorausgesetzt, dass der gesamte Prozess reibungslos durchläuft und die EU-Kommission die Norm zügig veröffentlicht!

Marketing-Mogelpackung?

Umso erstaunlicher ist es, dass es bereits heute Hersteller gibt, die in Europa fleißig ihre neuen ax-Geräte bewerben. Hinweise auf die Einschränkungen beim Betrieb von Wi-Fi6 in Europa und die geringere Performance? Fehlanzeige! Dem Anwender wird etwas verkauft, was aktuell in der EU nicht funktionieren kann. Oder, vielleicht schlimmer noch, es werden – bewusst oder unbewusst – Wi-Fi6-Produkte in den Markt gebracht, die die verbindlichen EU-Normen nicht erfüllen und daher gar nicht erst betrieben werden dürften. Die das CE-Kennzeichen zu Unrecht tragen und jederzeit von der Marktaufsicht aus dem Verkehr gezogen werden können.

Auch wir bei LANCOM stehen kurz vor der Markteinführung unserer ersten Wi-Fi6 Access Points. Und natürlich ist die aktuelle Situation mehr als ärgerlich! Denn halten wir uns an die derzeit gültigen Normen, dürften die Vorteile von ax gegenüber ac Wave 2 im ersten Schritt eher gering ausfallen.

Hoffen wir also, dass die EN 301 893 V2.2.1 so geräuschlos wie möglich durch den verbleibenden Standardisierungsprozess durchläuft und so rasch wie möglich gültig wird. Denn dann können wir unsere ax-Kunden, in gewohnter LANCOM Manier, mit einem Software-Update versorgen, das Wi-Fi 6 auch in Europa zum neuen Super-WLAN macht. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

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