Wenn Schule online geht: Datenschutz trotz Krise nicht vergessen

Veröffentlicht am: 2. April 2020 Autor: Ralf Koenzen Veröffentlicht in Engagement, Unternehmen Keine Kommentare

Noch Anfang des Jahres wurde die zögerliche Umsetzung des „Digitalpakts Schule“ diskutiert. Jetzt hat die Digitalisierung des deutschen Bildungswesens quasi über Nacht rapide Fahrt aufgenommen. Allerdings mit einem großen Manko beim Datenschutz. Die Konsequenzen daraus könnten wir auch weiter mit uns tragen, wenn wieder Normalität in unseren Alltag einkehrt.

Viele kreative Lösungen der Schulen und Lehrer

Die aktuell bundesweiten Schulschließungen zeigen die Dringlichkeit, mit der digitale Lernformate endlich Teil des Schulalltags werden müssen. Lehrer, Schulen und Träger versuchen derzeit alles, um der schwierigen Situation auf digitalem Weg Herr zu werden. Es gibt unzählige tolle, kreative Ansätze, vom Unterricht per Video-Live-Stream über die Bereitstellung von Lernmaterialen über Online-Plattformen bis hin zu Chats und Videokonferenzen mit Schülern und Eltern.

Auch die Politik hat erfreulich schnell reagiert: 100 Millionen Euro des insgesamt 5,5 Milliarden Euro schweren Fördertopfs Digitalpakt Schule sollen schnell und unbürokratisch für den Aufbau von Online-Plattformen und für digitale Lehrinhalte zur Verfügung gestellt werden. Ein Novum! Ursprünglich waren die Digitalpakt-Gelder nämlich nur zur Anschaffung von digitaler Ausstattung gedacht, etwa Schul-WLAN, Smartboards, Computer oder Tablets.

Auch in der Krise nicht den Kopf verlieren

Doch bei aller lobenswerten Tatkraft dürfen wir in der Eile nicht einfach unsere Grundwerte über Bord werfen. Ja, Messenger, Lern-Apps, Plattformen und Cloud-Dienste können beim „Homeschooling“ helfen. Aber, und da gibt es kein Vertun: Sie müssen im Einklang mit hiesigem Datenschutzrecht stehen! Ausnahmen dürfen wirklich nur in begründeten Einzelfällen gemacht werden – und stets nur in Verbindung mit verbrieften Garantien, dass diese Notlösungen nach dem Ende der Ausnahmesituation schnell und verlässlich wieder aus den Schulen verschwinden.

Gerade das jedoch scheinen leider nicht alle Beteiligten zu berücksichtigen. Besonders beunruhigend ist die Kehrtwende in einem der großen Flächenländer. Hier empfiehlt das Kultusministerium per Rundschreiben aufgrund der „aktuellen Situation“ ganz unverblümt die Nutzung von datenschutztechnisch kritischen Cloud-Diensten aus dem Nicht-EU-Ausland. Das Kuriose: Eben diese Dienste werden auf der Webseite desselben Ministeriums auch heute noch „grundsätzlich in Frage gestellt“ – wegen Datenschutzbedenken.

Schul-Datenschutz ist (keine) Selbstverständlichkeit

Dabei sollte gerade den Kultusministerien klar sein, dass der Datenschutz essentiell für eine erfolgreiche und nachhaltige Bildungsdigitalisierung ist. Selbst wenn es schnell gehen muss. Denn wie sollen Datenschützer Schulen künftig zum angemessenen Schutz sensibler Schülerdaten bewegen, wenn wesentliche Grundrechte, etwa das auf informationelle Selbstbestimmungen, offenbar von höchster Stelle als nebensächlich eingestuft werden?

Wie groß die Gefahr ist, dass der Datenschutz bei der Schuldigitalisierung zu kurz kommt, erleben wir schon heute in vielen Projekten. Viel zu oft fehlen DSGVO-Konformität und IT-Sicherheit vollends in den Ausschreibungsunterlagen. Erschreckend häufig wird als einziges Zuschlagskriterium der Preis genannt.

Dass dies keine Einzelfälle sind, belegt eine aktuelle Umfrage der Zeitschrift „IT-Business“. Für gerade einmal 43 Prozent der befragten Entscheider ist demnach die DSGVO-Konformität bei der Anschaffung von digitalem Schul-Equipment besonders wichtig (Platz 5), und auch die IT-Sicherheit ist eher ein „Nice-to-have“ (52 Prozent, Platz 4). Der Preis rangiert einsam auf Position 1 (80 Prozent). Beunruhigend, finden Sie nicht auch? Schließlich sollte man meinen, dass DSGVO-Konformität eine der Grundanforderungen an schulische Infrastruktur sein müsste.

© IT-Business

Es bröckelt also, was ohnehin schon auf wackeligen Beinen steht. Umso mehr stehen die Beteiligten jetzt in der Verantwortung. Sie müssen sicherstellen, dass aus der Corona-Krise keine anhaltende Datenschutzkrise wird. Es muss genau hingeschaut werden, mit welchen Risiken und Nebenwirkungen die vielen digitalen Bildungsangebote daherkommen – so praktisch sie auf den ersten Blick auch sein mögen.

Augen auf für DSGVO-konforme Lösungen

Dass Datenschutz und Schnelligkeit durchaus Hand in Hand gehen können, zeigt die Öffnung der Schul-Cloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI). Ab sofort können alle Schulen, denen weder eine Landes-Cloud noch eine kommunale Lern-Plattform zur Verfügung steht, die im Rahmen eines Förderprojekts des Bundesbildungsministeriums entwickelte Cloud-Lösung nutzen. Auch Niedersachsen setzt ein positives Signal: Direkt nach Ostern soll die niedersächsische Bildungscloud an den Start gehen und dann ab Mai als virtuelles Klassenzimmer allen Schulen zur Verfügung stehen. Auch sie basiert auf dem Code der HPI-Cloud und kann DSGVO-konform betrieben werden.

Überhaupt lässt sich das vielfach angeführte Argument, es gäbe halt keine datenschutzkonformen Angebote für eine rasche Schuldigitalisierung, recht schnell entkräften. Denn es gibt durchaus schon jetzt DSGVO-konforme Lösungen, nur kommen diese oft von kleineren europäischen Anbietern, die in der Öffentlichkeit nicht dieselbe Sichtbarkeit haben, wie die Lösungen großer Techkonzerne aus Übersee.

Die große Aufgabe ist jetzt, diese zu identifizieren und diesen Prozess als Chance zu sehen, die Schulen für die Zeit nach der Ausnahmesituation ordentlich zu wappnen. Denn alle Entscheidungen, die jetzt hastig getroffen werden, haben einen Einfluss darauf, ob Schule auch im Digitalen langfristig als geschützter Raum erhalten bleibt.

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