Vectoring: Gefährdet Brüssel den deutschen Breitbandausbau?

Gefährdet die EU-Kommission den Breitbandausbau? VDSL VectoringHaben Sie letzten Freitag einen Blick in die Zeitung geworfen? Schwarz auf weiß war da wieder zu lesen, dass Deutschland beim Breitbandausbau international ganz weit hinterher hinkt. Nicht nur im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn surfen wir langsam, auch Länder wie Südkorea sind uns meilenweit voraus. Das sind die Ergebnisse einer Studie aus Bayern, die letzte Woche in München vorgestellt wurde.

Völlig richtig, dass händeringend nach Abwegen aus der digitalen Tempo-30-Zone gesucht wird. Das Ziel ist klar definiert: bis 2018 möchte die Bundesregierung 50 Mbit/s in allen deutschen Haushalten zum Standard machen. Allein: der Weg dahin ist strittig.

Vectoring als Kurzfrist-Turbo

Schnelle Abhilfe verspricht sich die Bundesregierung von einem technischen Kniff: statt teuer und zeitaufwändig Glasfaserkabel in die Haushalte zu legen, möchte die Deutsche Telekom in einem ersten Schritt die bereits vorhandenen Kupferleitungen tunen.

Dieses Tuning nennt sich VDSL-Vectoring. Damit, so die Pläne der Telekom, könnten kurzfristig rund 1,4 Millionen deutsche Haushalte erstmals mit einer Bandbreite von 50 Mbit/s versorgt werden. Bis 2018 sollen gar bis zu 100 Mbit/s für rund sechs Millionen Haushalte drin sein. Ein wahres Revival für die alten Kupferleitungen aus den Sechzigerjahren.

Gefahr für die langfristige Perspektive?

Genau hier setzt ein wesentlicher Kritikpunkt der Vectoring-Gegner an. Die „Renaissance“ der alten Kupferleitung würde den Glasfaserausbau ausbremsen und langfristig mehr Schaden anrichten als Nutzen. Wichtige Investitionen würden in eine Technik von gestern wandern, statt in die Netze der Zukunft. Denn selbst mit Vectoring oder weiteren Weiterentwicklungen wie Super Vectoring oder G.fast wäre das Bandbreitenwunder bald vorbei.

Zudem würde VDSL-Vectoring zu einer Wettbewerbsverzerrung führen, so die Kritiker weiter. Denn durch den Einsatz von VDSL-Vectoring bleibt anderen Wettbewerbern aus technischen Gründen der Zugang zu den Teilnehmeranschlussleitungen im Bereich der Hauptverteiler verwehrt. Dürfte die Telekom ihre Vectoring-Pläne realisieren, hätte sie an diesen zentralen Punkten also ein Monopol.

Entsprechend harsch waren die Reaktionen aus dem Markt, als die Bundesnetzagentur im April grünes Licht für die Vectoring-Pläne der Telekom gab. Die Entscheidung unterstütze eine „Re-Monopolisierung“ und würde den weiteren Ausbau der Glasfasernetze ins Stocken bringen.

Auch die EU-Kommission hat Zweifel daran, ob das Vorhaben wettbewerbsrechtlich zulässig ist und hat jetzt erst mal die Bremse gezogen. Innerhalb eines Prüfverfahrens sollen offene Fragen geklärt werden. Bis zu drei Monate kann dies dauern. Solange passiert nichts. Was danach kommt, hängt stark davon ab, was die EU-Kommission der Bundesnetzagentur an Änderungsvorschlägen unterbreitet.

Miteinander, statt gegeneinander

Lassen Sie mich ganz deutlich werden: Ein Verbot der Vectoring-Pläne wäre fatal! Wir brauchen diese Technologie als Teil eines ausgewogenen Miteinanders. Auf der einen Seite das VDSL-Vectoring als Übergangstechnologie, die uns schnell ein Vielfaches an Bandbreite bringt und ohne die die Breitbandziele der Bundesregierung in keinem Fall zu erreichen sind. Auf der anderen Seite den weiteren Ausbau der Glasfaserinfrastruktur, um vor allem auch der Wirtschaft zukünftig Breitbandanschlüsse mit noch weit mehr als 100 Mbit/s zur Verfügung stellen zu können. Denn bei all der Diskussion um Wettbewerb und die „richtige“ Technologie dürfen wir eines nicht vergessen: nicht jeder Haushalt braucht die superschnellen Glasfaseranschlüsse, und nicht jeder will dafür bezahlen. Das merken auch viele regionale Provider, die viel in ihre Glasfaserinfrastruktur investiert haben und nur im überschaubaren Maße Kunden für die teuren Anschlüsse finden. Die Mischung aus Vectoring und Glasfaser könnte also der Königsweg sein.

Zumal sich auch das Problem der Wettbewerbsverzerrung bzw. Re-Monopolisierung auflösen ließe, nämlich durch einen Bitstrom-Zugang, auf dessen Basis dann auch die Wettbewerber ihren Kunden VDSL Vectoring-Zugänge anbieten können. Wie alle Ex-Monopolisten in Europa ist auch die Telekom verpflichtet, ihren Wettbewerbern diesen Zugang anzubieten. Sie müssen ihn nur nutzen.

 

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Ein Kommentar zu “Vectoring: Gefährdet Brüssel den deutschen Breitbandausbau?
  1. Wolfgang Jäger sagt:

    Hallo,

    inzwischen ist die o.g. Studie „Versorgungsgrad der digitalen
    Infrastruktur in Bayern“ online als PDF verfügbar.

    https://www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zugaengliche-Medien/Abteilungen-GS/Wirtschaftspolitik/2016/Downloads/160527-vbw-Studie-Versorgungsgrad-digitale-Infrastruktur-FINAL.pdf

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