Leitungstrends 2020: Letzte Tunings am Kupfernetz und ein Abschied

Veröffentlicht am: 2. März 2020 Autor: Ralf Koenzen Veröffentlicht in Technologie, Trends Keine Kommentare

In diesem Jahr wird viel am Verteilerkasten vor der Tür getüftelt. Um das Internet auf der letzten Meile fit für die digitale Gegenwart zu machen, werden die vorhandenen alten Kupferleitungen ordentlich getunt – mit Supervectoring oder G.fast. Zudem verabschiedet sich mit ISDN ein digitaler Vorreiter nach 30 Jahren endgültig in den Ruhestand.

Endgültiger Abschied von ISDN

Eigentlich sollte die ISDN-Ära bereits 2019 enden, längst sollte die Technologie vollständig durch All-IP-Netze ersetzt sein. Doch im September des vergangenen Jahres hatte die Telekom noch einmal die Frist verlängert, der ursprüngliche Zeitplan war wohl doch etwas zu ambitioniert.

Dennoch fällt die Bilanz positiv aus. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten, die größtenteils Privatkundenanschlüsse betrafen, gestaltete sich die Umstellung deutlich geräuschloser als erwartet. Vor allem bei den Geschäftskundenanschlüssen erwies sich die Angst vor der Erneuerung als weitgehende unbegründet.

Vor allem die Angst vor den Migrationsaufwänden hatte viele Unternehmen anfangs dazu verleitet, die Netzumstellung so weit wie möglich hinauszuzögern. Dabei waren von Anfang an pragmatische und wirtschaftliche Ansätze für einen „geräuschlosen“ Umstieg verfügbar: etwa die Beibehaltung der alten TK-Anlage, bei der ein All-IP-Router als Übersetzer zwischen ISDN und der IP-Welt dient. Viele Firmenkunden haben sich für diesen sehr einfachen Weg entschieden und die Umstellung „minimalinvasiv“ gestaltet. Andere wiederum nutzten das Gebot der Stunde und migrierten gleich auf Zukunftstechnologien wie Telefonie oder Cloud oder eine IP-Telefonanlage.

Wie ein gelungener Umstieg von ISDN auf All-IP funktionieren kann, sieht man zum Beispiel bei der Bäckerei Kamps und Lagardère.

Supervectoring: In der Fläche angekommen

Während das gute alte ISDN endgültig ad-acta gelegt wird, laufen parallel die Arbeiten am Kupfernetz auf Hochtouren.

Supervectoring ist eine Weiterentwicklung des VDSL2-Standards, bei der ein Frequenzband der Kupfer-Doppeladern des bestehenden Telefonnetzes verwendet und so der nutzbare Frequenzbereich von 17 MHz auf 35 MHz erweitert wird. Die möglichen Datenraten im Vergleich zu VDSL werden mit theoretischen Geschwindigkeiten von bis zu 300 Mbit/s deutlich erhöht – in der Praxis liegen wir allerdings etwas darunter. Der Clou dabei: es wird lediglich eine neue Linecard, also ein neues Anschlussmodul, im Verteilerkasten benötigt, aufwändige und teure Erdarbeiten wie bei der Verlegung neuer Glasfaseranschlüsse entfallen.

Bis Juli 2019 konnte die Telekom so 22,5 Millionen Anschlüsse auf bis zu 250 Mbit/s upgraden. Mittlerweile sollten bereits etwa 95 Prozent aller bestehenden VDSL-Anschlüsse auf schnelles Supervectoring umgestellt sein.

Damit bietet Vectoring bzw. Supervectoring zum jetzigen Zeitpunkt für viele Anwender in puncto WAN-Anbindung das attraktivste Paket. In unserem Router-Portfolio finden Sie mit unseren 179xer- und 19xxer-Serien dazu die passenden Lösungen.

G.fast: Das letzte große Kupfer-Tuning

Kaum ist Supervectoring in der Fläche angekommen, steht mit G.fast die nächste Technologiegeneration bereits in den Startlöchern. G.fast soll selbst das Supervectoring noch einmal übertreffen – mit bis zu zwei Gigabit pro Sekunde. Für den Geschwindigkeitsboost werden höhere Frequenzbereiche, optimierte Übertragungstechniken und Vectoring verwendet. Allerdings kann G.fast nur relativ kurze Entfernungen überbrücken, gute Bandbreitenwerte gibt es nur bis 50, maximal 100 Meter ab Verteilerkasten.

Um diese zu erreichen, werden Frequenzen bis 106 MHz, später sogar bis zu 212 MHz verwendet. Ein weiterer Vorteil ist die Auflösung der Trennung von Up- und Downlinks, die G.fast flexibler macht als Supervectoring.

Allerdings bringt der Geschwindigkeitsrausch auch Nachteile mit sich: Neben der ziemlich kurzen Distanz ohne Leistungsabfall, sind es die benutzten hohen Frequenzen, die Ärger machen können. Es kann zu Störungen der Radiofrequenz kommen. Spezielle Verfahren sind notwendig, um dies zu verhindern.

Außerdem verträgt sich G.fast nicht besonders gut mit Supervectoring. In der Praxis kommt es häufig zu gegenseitigen Störungen beim Endkunden – bis hin zum Netzausfall. Das hat die Bundesnetzagentur auf den Plan geholt. Sie entschied: Die Telekom hat mit ihrem Vectoring auf der letzten Meile Vorrang vor G.fast. Das Ziel: für maximale Stabilität zu sorgen.

Ob der neue Standard jemals deutschlandweit von den großen Providern angeboten wird, ist aktuell unklar. Fakt ist, dass derzeit nur eine überschaubare Anzahl an lokalen und regionalen Dienstleistern G.fast anbietet.

Mit Glasfaser in die Zukunft

Unabhängig davon, wie stark sich G.fast durchsetzen kann, bleibt es langfristig gesehen eine Brückentechnologie – genau wie Supervectoring. Die Zukunft gehört der Glasfaser. Denn trotz Upgrades stoßen die alten Kupfernetze an ihre technologischen Grenzen. Ganz im Gegensatz zur Glasfaser, wo das Spiel gerade erst beginnt und Datenraten bis 40 GBit/s erreicht werden. Glasfaser bietet Deutschland also die echte Chance, in vielen Bereichen technologisch aufzuholen.

Folgerichtig fördert die Bundesregierung etliche Glasfaser-Projekte. „Die flächendeckende Versorgung unseres Landes mit leistungsstarken Breitbandanschlüssen und der in einem weiteren Schritt notwendige Aufbau von Gigabitnetzen sind Grundvoraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und steigenden Wohlstand“, sagt Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. Und das geht nur mit neuen, zukunftsorientierten und vor allem leistungsstarken Netzen. Ganz egal, wie groß die Kraftanstrengung dafür auch sein mag.

Verwandte Posts

Kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.