Hals-über-Kopf zu neuen Standards? Warum sich Entschleunigung lohnen kann

AC WLAN 11AX Mesh Mehr als 30 Jahre bin ich nun im Telekommunikations- und Netzwerkgeschäft tätig. In meiner Zeit als Abteilungsleiter ISDN-Entwicklung bei der damaligen ELSA GmbH haben wir die ersten Microlink ISDN-„Modems“ entwickelt und uns über schnelle und zuverlässige 64 kbit/s Verbindungen gefreut – welch eine Weiterentwicklung gegenüber den „langsamen“ Analog-Modem-Verbindungen, die erst nach einem langen Wähl- und Synchronisationsvorgang („Tüdelüüüüüp“) zustande kamen.

Seither hat sich die Internet-Konnektivität rasend entwickelt. Aus langsamen Wählverbindungen sind dank immer neuerer Standards und Leitungstechniken stabile Breitbandverbindungen geworden, die im besten Fall Gigabit-Geschwindigkeiten bringen. Glasfaser oder die neuen Super Vectoring-Anschlüsse der Telekom sind hier nur zwei Beispiele.

Parallel zum Tempogewinn im leitungsbasierten Bereich kamen dann Anfang der 2000er Jahre die ersten WLAN-Produkte auf den Markt. Fast wie heute erinnere ich mich an unseren ersten WLAN-Router mit 802.11 – und sagenhaften 2 Mbit/s (brutto !!) Datendurchsatz. Seither: eine wahre Explosion! Alle paar Jahre ein neuer Standard – über a/g/n zu aktuell 802.11ac Wave 2 mit Drahtlos-Geschwindigkeiten, die dem LAN in nichts mehr nachstehen. Und während wir vor knapp 20 Jahren noch der Welt erklären mussten, wozu man dieses Wireless LAN überhaupt braucht, ist unsere heutige, digitalisierte Welt ohne WLAN und all die anderen Funktechnologien schlicht nicht mehr denkbar.

Zu verdanken haben wir diesen großartigen Fortschritt all jenen, die an den Unis wichtige Grundlagenarbeit leisten sowie all jenen, die in den entsprechenden IEEE-Arbeitsgruppen an immer neueren, effizienteren – oder auch einfach sichereren – Standards arbeiten. Sie treiben uns Hersteller und die WiFi-Alliance an, unsere bandbreitenhungrigen Kunden mit immer besseren und leistungsfähigeren Produkten zu versorgen.

Nicht jeder Standard eignet sich für jeden

Doch wo es früher ganz einfach schien und neue Standards vor allem mehr Tempo brachten, ist die heutige Welt deutlich vielschichtiger. So entstehen Technologien, die zwar Fortschritt bringen – aber manchmal nur in klar definierten Bereichen.

Nehmen wir zum Beispiel Mesh WLAN. Mesh wird derzeit geradezu gehypt – und auch wir setzen uns aktiv mit der Technologie auseinander. Aber hält Mesh auch, was es verspricht? Bringt es einfachstes WLAN für alle – und ist es so alternativlos, wie manche behaupten?

Genau da wird es kompliziert. Mesh ist toll für Anwender zuhause, die ohne technische Vorkenntnisse Netze aus mehreren Geräten aufbauen wollen. Netze, die sich quasi von selbst verbinden. Und auch in der Wirtschaft gibt es Einsatzbereiche, in denen Mesh sehr gut denkbar ist. Nehmen wir zum Beispiel kleine, temporäre Pop-up-Stores, die wie Pilze aus dem Boden sprießen, natürlich topmodern und vernetzt sein müssen – aber eben auch ganz schnell wieder verschwinden. Oder Gebäudeteile, in denen das Verlegen von Netzwerkkabeln extrem schwer oder gar unmöglich ist.

Für alle anderen dürfte Mesh jedoch keine gute Wahl sein. Weshalb? Weil die Technologie schnell an ihre Grenzen kommt. Spätestens bei sechs Mesh Access Points ist Schluss, bleibt von der Bandbreite, die sich oftmals mit jedem weiteren Gerät halbiert, nicht mehr viel übrig.

Oder 802.11ax. Der neue „High Efficiency Wireless“ Standard (HEW) bringt nicht etwa deutlich höheres Tempo, sondern spielt seine Vorteile vor allem in sogenannten High-Density-Umgebungen so richtig aus – also überall dort, wo eine sehr große Anzahl an WLAN-Clients oder Geräten (IoT) gleichzeitig bedient werden soll. Fußballstadien oder Großevents sind typische Beispiele. Wer aber einfach „nur“ mehr Bandbreite für sein Unternehmen wünscht, der sollte sich über die großartigen Geschwindigkeiten des aktuellen WLAN-Standards 802.11ac Wave 2 freuen.

Für die Wirtschaft gilt: Reifegrad vor Hipness-Faktor

Überhaupt ist es angeraten, nicht sofort auf jeden neuen Technologiezug aufzuspringen. Insbesondere beim WLAN beobachten wir immer wieder, dass die ersten Produkte mit einem neuen Standard schon auf den Markt kommen, noch bevor dieser überhaupt final verabschiedet ist. Aktuell ist genau dies bei 802.11ax der Fall. Da wurden bereits im Frühjahr auf dem Mobile World Congress in Barcelona die ersten Produkte präsentiert – die endgültige Fassung von „.ax“ wird jedoch erst für Ende 2019 erwartet.

Was für Privatanwender nicht kritisch ist, kann in Unternehmen unter Umständen jedoch zum Showstopper werden. Denn viele der derzeitigen ax-Produkte werden am Ende nicht standardkonform sein und im schlimmsten Fall nicht mit „echten“ ax-WLAN Access Points und Routern zusammen funktionieren. Das Risiko: eine Nischen-Infrastruktur, die schnell wieder aussortiert werden muss.

Für die Unternehmens-IT gelten daher andere Regeln. Nicht der Hipness-Faktor sollte der Gradmesser sein, sondern der Reifegrad einer Technologie.

 

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