Ein Jahr Endgerätefreiheit: Eine positive Bilanz

Endgerätefreiheit: Endkunde nimmt Router aus KartonWer meine Blog-Beiträge regelmäßig liest, erinnert sich sicherlich noch an unser Engagement gegen den Routerzwang. Über viele Monate hatte uns das leidige Thema 2015 und 2016 begleitet. Im August des vergangenen Jahres war es dann endlich soweit: per Gesetz wurde die freie Routerwahl in Deutschland Realität. Vorige Woche jährte sich der Tag der Endgerätefreiheit zum ersten Mal. Zeit für eine kurze Zwischenbilanz.

Technische Bedenken waren unbegründet

Zunächst einmal haben die letzten 12 Monate gezeigt, dass die von den Gegnern der Endgerätefreiheit bis zuletzt vehement vorgebrachten technischen Bedenken haltlos waren. In allen Netzen – vom klassischen ADSL-/VDSL-Anschluss über Glasfaser bis zum Kabelnetz – gibt es heute Kunden, die Endgeräte ihrer Wahl einsetzen. Und zwar ohne, dass es hierbei zu Komplikationen käme.

Auch das Interesse am „eigenen Gerät“ ist groß. So bestätigt nicht zuletzt eine Online Omnibus-Umfrage zur freien Routerwahl des Marktforschungsunternehmens IPSOS, dass rund 50 Prozent der Befragten künftig ein eigenes Endgerät am Anschluss einsetzen wollen. Auch die Stiftung Warentest sieht die neugewonnene Freiheit für den Verbraucher positiv: ein Router-Vergleich in der Mai-Ausgabe 2017 bestätigt, dass viele Internetnutzer mit Blick auf Funktionsumfang, Leistung und Sicherheit gut daran tun, sich ihr eigenes Gerät anzuschaffen.

Provider legen das Gesetz uneinheitlich aus

Doch nicht alle Netzbetreiber haben die Neuregelung einfach akzeptiert. Einige Provider legen das TK-Endgerätegesetz so aus, dass sie zwar Neukunden bei Vertragsabschluss die Zugangsdaten zur Verfügung stellen, Bestandskunden allerdings leer ausgehen. Diese eigenwillige Interpretation des Gesetzestexts beruht auf einer zugegebenermaßen etwas unglücklichen Formulierung im selbigen. Dort heißt es: Zugangsdaten müssen dem Verbraucher in „Textform, unaufgefordert und kostenfrei bei Vertragsschluss“ übermittelt werden.

In der Praxis sieht es daher bis heute so aus, dass vielen Kunden das Anschlussrecht verweigert wird oder der Netzbetreiber nicht alle nötigen Anschlussinformationen zur Verfügung stellt. Daran ändert auch ein Urteil des Landgerichts Essen nichts, das eindeutig die Rechte der Bestandskunden stärkt. Bereits im September 2016 hatten die Richter in einem Eilverfahren – die Verbraucherzentrale NRW hatte gegen einen lokalen Netzbetreiber geklagt – festgestellt, dass die Routerfreiheit auch für Bestandskunden gilt. Aufgrund der niedrigen Instanz ist das Urteil leider nur für den beklagten Provider bindend.

Weiter Nachbesserungsbedarf bei den Schnittstellenspezifikationen

Ein ganz zentraler Punkt, bei dem weiterhin Verbesserungsbedarf besteht, ist die Offenlegung der technischen Spezifikationen der Netzzugangsschnittstellen der Provider. Erst, wenn diese umfassend öffentlich dokumentiert sind, können die Hersteller mit der Entwicklung neuer Router-Modelle für bislang nicht offenstehende Netze beginnen. Transparenz ist deshalb das A und O.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Provider eigentlich ohnehin per Gesetz dazu verpflichtet sind, die Informationen zu ihren technischen Spezifikationen zu veröffentlichen. Und das schon seit Jahren. Es wäre daher an der Zeit, dass auch dieses Thema – genau wie der Routerzwang – zu den Akten gelegt werden kann. Erst dann kann sich der Markt wirklich auf eine breite Anzahl neuer Endgeräte freuen.

Marktabschottung erfolgreich verhindert

Ein ganz wesentliches Ziel hat das Gesetz jedoch schon heute erreicht: eine weitere Abschottung des Routermarktes mit den daraus resultierenden Gerätemonokulturen und Einschnitten für die Kunden wurde erfolgreich verhindert. Besonders erfreulich ist zudem, dass das Gesetz über Deutschland hinaus wirkt und auch in anderen europäischen Staaten Schule macht. So wird zum Beispiel in den Niederlanden bereits kräftig an einer ähnlichen Gesetzesanpassung geschraubt.

 

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